Schrott ist kein Schicksal

Selbst solide Unternehmen wie die schwäbische Dürr AG sind nicht davor gefeit, von den großen Rating-Agenturen auf Schrottstatus herabgestuft zu werden. Immer mehr Gesellschaften verzichten deshalb auf eine Note der amerikanischen Bonitätsbewerter – und fahren gut damit.

Ihr Rating aus den USA warf die schwäbische Dürr AG in den Müll

 

Griechenland ist nicht die Dürr AG. Während die Griechen in den vergangenen Monaten immer tiefer in die roten Zahlen rutschten, feierte der Automobilzulieferer im ersten Halbjahr 2011 ein dickes Gewinnplus. Die amerikanische Rating-Agentur Moody`s machte zwischen dem schwäbischen Unternehmen und dem Mittelmeerstaat aber bisher keinen Unterschied.

Die letzte Anleihe, die Dürr von der Agentur bewerten ließ, bekam ein „C“.

Damit lag das schwäbische Familienunternehmen auf dem Niveau von Staatsanleihen der berüchtigten PIIGS-Länder – den fünf Krisenstaaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien. Und musste seinen Geldgebern dementsprechend fast zehn Prozent Zinsen pro Jahr zahlen. Denn mit “C” bewertet Moody`s  eine hochspekulative Anleihe, bei der der geliehene Betrag wahrscheinlich nicht voll zurückgezahlt wird. Kurz: Eine Schrottanleihe.

“Das Rechenschema der Ratingagenturen reflektiert unseren wirklichen Wert nicht”

Das wollte der Maschinen- und Anlagenbauer aus Bietigheim-Bissingen nicht auf sich sitzen lassen. Und trennte sich kurzerhand von dem teuer erkauften Rating, das ihm die beiden Marktführer Moody’s und Standard&Poor’s verpasst hatten. “Das Rechenschema, mit dem man dort unser Unternehmen benotet hat, reflektiert unseren wirklichen Wert einfach nicht”, sagt Günter Dielmann von der Dürr AG.

Rating-Agenturen würden immer nur den Ist-Zustand eines Unternehmens bewerten, erklärt Günter Dielmann. Als Dürr 2004 bewertet wurde, hatte die Aktiengesellschaft gerade fünf Quartale in Folge Verluste geschrieben.  “Wir wissen aber im Schnitt sechs Quartale im Voraus, welche Aufträge wir haben werden. Deshalb macht eine Bewertung ohne Prognosenberücksichtigung in unserem Fall keinen Sinn”, sagt Dielmann.

Um den Ruch des Pleitekandidaten loszuwerden, wirbt Dürr inzwischen ohne die Note aus den USA um frisches Kapital. Mit Erfolg: Für eine kürzlich ausgegebene Anleihe mussten die Schwaben nur noch 7,25% Zinsen zahlen – deutlich weniger als für die Anleihe mit Rating.

Renomeé braucht kein Rating

Die Schwaben liegen voll im Trend: Laut Angaben der Landesbank Baden-Württemberg haben sich deutsche Unternehmen 2010 viermal so viel Geld über ungeratete Anleihen geliehen als noch im Jahr 2000. Auch 2011 setzt sich der Trend unvermindert fort. Aber nicht jedes Unternehmen, das Anleihen ohne Rating ausgibt, will eine unfaire Bewertung vermeiden. „Für uns ist das eine einfache Kosten-Nutzen-Überlegung“, sagt Frank Elsner vom Autovermieter Sixt. Die Kosten für eine Bewertung von Standard&Poors und Co. liegen für ein Unternehmen wie Sixt bei über 150.000 Euro.

Geschadet hat der Verzicht auf die Bonitätsnote auch hier nicht: „Wir haben uns auch ohne Rating im letzten Jahr über eine Anleihe 250 Millionen zu einem Zins von 4,125 Prozent geliehen. Das sind sehr günstige Konditionen für uns“, erklärt Elsner. Die gute wirtschaftliche Verfassung und die hohe Eigenkapitalquote des Münchner Unternehmens hätten genügend Investoren aus dem In- und Ausland angezogen.

Ob das aber für jedes Unternehmen funktionieren würde, bezweifeln Experten: „Für institutionelle Anleger ist das Rating ein wichtiges Signal“, erklärt Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanzzentrums. „Pensionsfonds kaufen automatisch nur Anleihen, die mindestens mit BBB- bewertet sind.“ Anleihen ohne Rating hätten bei diesen Großanlegern also keine Chance.

EU-Staaten können sich gegen die Urteile der Agenturen nicht wehren

Dass Unternehmen wie Sixt ihre Anleihen trotzdem problemlos an den Mann bringen, ist kein Widerspruch: „Sixt hat vom Namen her einen Vorteil“, meint Professor Gerke. Schließlich ist der Autovermieter durch seine frechen Werbekampagnen inzwischen zum Haushaltsnamen geworden.

Wäre der Abschied vom Rating also auch für hochverschuldete Staaten wie Griechenland ein Ausweg?

Nein, sagt Wolfgang Gerke: „Die Ratings für Staaten erstellen die Agenturen kostenlos und ungefragt. Da müsste ein Land den Agenturen ihre Arbeit schon per Gesetz verbieten.“ Außerdem meiden Anleger griechische Staatsanleihen nicht nur wegen den schlechten Ratings, sondern weil eine sehr reale Ausfallgefahr besteht. Für den Schrottstatus gibt es gute Gründe.

Griechenland ist eben nicht die Dürr AG.

Von Alexander Demling und Dominik Peters.

 

 

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