Trenn dich!

„Bitte keine Erde in den Biomüll schmeißen“, stand auf dem giftgrünen Schild. Ich sah’s und schmiss die Erde samt Geranie trotzdem in den braunen Eimer. Ebenso die Bananenschale und die Nudelsoße, die ich mal wieder im Kühlschrank vergessen hatte. So hatte das meine Mama zu Hause schließlich auch immer gemacht. Naja, gut, zu Hause war es ein Komposthaufen. Und kein brauner Plastikeimer. Aber Bio ist schließlich gleich Bio, ganz einfach. Und was ist mit dem Tetrapak? In die Papiertonne? Fehlanzeige. Dabei hatte ich die Apfelsafttüte extra platt getreten. Und den Boden der Küche eingesaut. Und mir einen Anschiss der Mitbewohnerin eingefangen. Ich hab’s dann irgendwann doch noch kapiert. Vor meinem Umzug nach Rom hab ich den Weinflaschen an der Müllinsel ein leises ”Servus” zugehaucht und meine Joghurtbecher ausgewaschen und mit dem Ohrstäbchen vorschriftsmäßig getrocknet.

In Bella Italia angekommen, machte mir mein mittlerweile auf Mülltrennung getrimmtes Gewissen schwer zu schaffen. Egal wo ich war, jeder wollte mir unbedingt und jederzeit eine Plastiktüte geben. Die Frau an der Supermarktkasse, die Gemüsefrau auf dem Wochenmarkt, der Priester in der vatikanischen Bibliothek. Ein Nein wurde nicht akzeptiert. Nachts träumte ich von meiner deutschen Mitbewohnerin, die mich mit einer quietschgelben Zellofantüte quer durch den Münchner Wertstoffhof verfolgte. Nur, weil ich in der Uni meine Glasflasche in den Restmüll geschmuggelt hatte. Übernächtigt  und geistig ausgelaugt beschloss ich, die Welt (oder zumindest die Römer) aus dem Dreck zu ziehen. Bewaffnet nur mit einem umweltfreundlichen und fair gehandelten Jutesack fiel ich in den Supermarkt an der Ecke ein. Meine Mission: Die Befreiung der Biotomaten aus dem Cellophanpapier. Doch das römische Reich leistete unerbittlichen Widerstand.  Eine Verkäuferin besiegelte meine Niederlage: “Una busta?” Von dem unerbittlichen Befehlston irritiert, hörte ich mich sagen: Ja, natürlich eine Plastiktüte. Am liebsten in quietschgelb.

Ganz in Gelb, wie ein Geranienstrauß, so lag sie vor mir. Formschön und reizfest. Sie war die große Liebe. Amore in Rom, besser konnte es nicht sein. Meine Plastiktüte und ich, wir wurden unzertrennlich. Zusammen saßen wir auf der Piazza Navona und lutschten Erdbeereis. Gemeinsam schmissen wir am Tiber Brot auf die Möwen und zu zweit jubelten wir “Viva il Papa!”. Sie war es schließlich auch, die mir mein Biomüll-Trauma nahm. Angst vor Trennung habe ich jetzt nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Dank meiner Plastiktüte habe ich mich von meinem Gewissen getrennt. Es liegt jetzt neben der Erde im Biomüll.

Von Regina Frey.

 

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