“Wir sondern nichts aus”

Bayerische Staatsbibliothek

Dr. Monika Moravetz-Kuhlmann von der Bayerischen Staatsbibliothek

In Büchern wird das Wissen der Menschheit gesammelt. Allerdings hält nicht jedes Wissen der Ewigkeit Stand. Theorien werden widerlegt. Statistiken veralten. Romane geraten aus der Mode.  “Ich unterscheide zwischen kreativem Wissen, Lagerwissen und Wissensmüll”, hat Norbert Blüm einmal gesagt. Was passiert eigentlich mit Büchern , deren Inhalt “Wissensmüll” ist? In der Bayerischen Staatbibliothek München (StaBi) haben wir Antworten gefunden – und zwar bei Dr. Monika Moravetz-Kuhlmann, Abteilungsleiterin Bestandsaufbau und Erschließung.

Gibt es das: Wissensmüll in Büchern?

Angesichts der in unserer Wissens- und Informationsgesellschaft ständig wachsenden Publikationsflut – die Zahl der wissenschaftlichen Zeitschriften belief sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch auf ca. 100 während sie im 21. Jahrhundert  längst die 150.000 Marke überschritten hat – wächst natürlich auch die Menge der veralteten Informationen ständig an; gerade bei den wissenschaftlichen Zeitschriften in den STM-Fächern (Naturwissenschaften, Technik und Medizin) werden immer kürzere „Halbswertzeiten“ konstatiert. Aus bibliothekarischer Sicht würde ich allerdings in dieser Hinsicht nur mit Vorbehalt von „Wissensmüll“ sprechen, ist es doch Aufgabe der Bibliotheken, nicht nur  die aktuellen Informationsbedürfnisse von Forschung und Wissenschaft zu bedienen, sondern auch das kulturelle Erbe im Sinne einer „kulturellen Gedächtnisinstitution“ zu dokumentieren und zu bewahren.

Was passiert mit überholten Büchern?

Zwar sind wissenschaftliche Bibliotheken nicht zuletzt aus Platzgründen gezwungen, veraltete und selten genutzte Bestände auszusondern, um Platz für die aktuelle Forschungsliteratur zu schaffen; sie tun dies jedoch weniger nach wertenden, inhaltlichen Gesichtspunkten sondern in der Regel angelehnt an vereinbarte Richtlinien. In Bayern werden derzeit gerade die Richtlinien zur „Erhaltung, Archivierung und Aussonderung von Druckschriften in Bayern“ überarbeitet; in diesem Kontext übernimmt die StaBi in ihrer Rolle als zentrale Landes- und Archivbibliothek des Freistaates auch die Aufbewahrung und Archivierung des „letzten Exemplars in Bayern“. Dazu wurde eigens in Garching bei München eine Speicherbibliothek errichtet. Die StaBi selbst, die in der Regel von allen wissenschaftlichen Werken nur ein Exemplar erwirbt, sondert aus ihren Beständen grundsätzlich nichts aus. Im Bereich der „Pflichtstückablieferung“ ist die StaBi  gesetzlich dazu verpflichtet, die gesamte Produktion der bayerischen kommerziellen Verlage wie auch der Selbstverleger möglichst umfassend zu sammeln und für die Nachwelt zu erhalten – in Bayern eine bis in das Jahr 1663 zurückreichende Tradition.

Woher wissen Sie, dass ein Buch nicht mehr aktuell ist?

Bibliotheken, die gezwungen sind, Platz für aktuelle Literatur zu schaffen, orientieren sich also an den erwähnten Aussonderungsrichtlinien. In der Praxis werden vor Aussonderungsmaßnahmen Nutzungsanalysen durchgeführt, so dass sichergestellt ist, dass nur der selten nachgefragte Bestand ausgesondert wird. Hochschulbibliotheken erarbeiten auf diese Weise neben einem „Erwerbungsprofil“ meist auch ein „Aussonderungsprofil“, welches insbesondere die Lehrbuchsammlungen mit ihren zahlreichen Mehrfachexemplaren betrifft, darüber hinaus aber durchaus auch den übrigen Monographien- und Zeitschriftenbestand. Für die Entwicklung solcher Aussonderungsprofile sind in der Regel die Erwerbungsleiter der Hochschulbibliotheken zuständig.

Von Regina Frey.

 

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