Kameraden wirft man nicht weg

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Erika Seidl am Grab: Jede Woche besucht sie ihre beiden Kameraden Lilly und Benny.

Erika Seidl nennt sie „meine Kameraden”, Benny und Lilly, begraben unter einem schlichten Holzschild.  Noch steht dort nur Bennys Name, Lilly ist erst kürzlich gestorben. Aus einem Eimer schüttet Erika Seidl weiße Quarzsteine auf das Grab, wischt mit einem Lappen eine Engelchenfigur ab. „Ich trauere sehr, weil Lilly auch verwitwet war, wir zwei Witwen müssen zusammenhalten, habe ich ihr gesagt.” Zwei Jahre war Benny schon tot, als Lilly starb, jetzt teilen sich die beiden Kaninchen das Grab auf einem Münchner Tierfriedhof -  in einer Reihe mit Samy und Nino, Tiger und Tessy.

So können Tiere enden. Oder so: In der Tierkörper-Verwertungsanlage, etwa der in Plattling im Osten Bayerns. Zwischen 1.500 und 1.600 Tonnen tote Tiere, angeliefert von 40 LKWs, landen hier jede Woche.  Verendete und eingeschläferte Rinder und Schweine von Bauern, Fleischreste von den Schlachthöfen, gestorbene Haustiere von den Tierärzten. Tierfett und Tiermehl sind die Endprodukte der Anlage. „Man darf Tiere nicht entsorgen“, kritisiert Edmund Haferbeck von der Tierschutzorganisation Peta. „Eine Kuh muss man nicht begraben“, sagt Burkhard Büteröwe, der Inhaber des Tierfriedhofs.

Eine Kuh, so ist die Rechtslage, darf man auch nicht begraben: Nutztiere gehören in die Tierkörper-Verwertungsanlage, den eigenen Hund, die Hauskatze, den Hamster kann man auch im Garten begraben. Oder auf den Tierfriedhof bringen, wenn man keinen Garten hat, so wie Erika Seidl.

Liebevoll gepflegte Gräber, ein Brennwert wie Braunkohle

„Die Tiere waren meine Freunde,“ sagt die 65-jährige Witwe, „sie haben mir Trost gespendet, da verdienen sie eine würdige Ruhestätte.” Lilly war am Ende ihres Lebens querschnittsgelähmt und hatte einen Tumor. Drei Wochen hat Erika Seidl sie gepflegt. „Ich kenne mich aus, ich war ja Krankenschwester von Beruf.” Am Ende hat sie Lilly einschläfern lassen. „Ich habe mir Vorwürfe gemacht, es war ein Vertrauensbruch,” sagt Erika Seidl.

Es riecht nach gemähtem Gras, die Autobahn rauscht in der Nähe des Tierfriedhofs „Letzte Ruhe“. Seit 2008 kann man hier sein Haustier beerdigen, in Gräbern, kaum größer als ein Hundekörbchen. „Du warst mein Lebensinhalt,” steht neben dem Bild von Boxerdame Peppi – noch eine der knapperen Liebeserklärungen, die man hier lesen kann. Auf vielen Gräbern liegen alte Spielsachen der Haustiere. Bunte Gummibälle und Wurfringe, Hamsterräder und Beißpuppen stehen neben Engelfigürchen und Teddybären. Oft sind es übervolle Arrangements, liebevoll gepflegt.

Eine Tierkörper-Verwertungsanlage kann man sich in etwa wie einen großen Schnellkochtopf vorstellen. Bei 133 Grad Celsius verdampft das Wasser, 60 Prozent der Gesamtmasse. Die festen Bestandteile werden zerkleinert und gepresst, am Ende entstehen 25 Prozent Tiermehl und 15 Prozent Tierfett. Was von den Tieren übrig bleibt, wird vor allem verheizt, für die hauseigene Energieerzeugung und  in Kraftwerken. „Tiermehl hat einen Brennwert wie Braunkohle,“ sagt Karl Tremmel, Fuhrparkleiter der Plattlinger Anlage.  Seit der BSE-Krise darf Tiermehl nicht mehr verfüttert werden. Auch das Fett brennt gut, Tankzüge holen es ab, man kann es zur Herstellung von Biosprit gebrauchen. Durch die Verwendung zur Energieerzeugung wird die Tierbeseitigung billiger, wichtig vor allem für Landwirte, die Hauptkunden der Anlage.

Müssen Tiere beerdigt werden?

Ein Kaninchen auf dem Tierfriedhof „Letzte Ruhe“ zu bestatten, kostet etwa 430 Euro, inklusive Abholung, Sarg und Grabgestaltung. „Oft war ein Tier Kinder- und Partnerersatz,“ sagt Burkhard Büteröwe, der Inhaber des Tierfriedhofs. „Und wenn ein Tier für viele Jahre mit einem Menschen lebt, oder in einer Familie, dann hat es auch ein Recht auf eine Bestattung. Da besteht dann eine Beziehung.“

Bei Nutztieren hält Büterowe die Beerdigung nicht für nötig. Und es dürfte wohl auch nicht möglich sein. Früher hat man die Tiere eingegraben oder auf den Misthaufen geworfen,“ sagt Karl Tremmel. Doch wo Massentierhaltung betrieben wird, kann man das Vieh kaum begraben, zu umweltschädlich, zu unhygienisch.

Sind die toten Tiere Abfall? Tremmel will es nicht so nennen, „es sind tierische Nebenprodukte.” Edmund Haferbeck von der Tierschutzorganisation Peta will Tiere auch nicht als Produkte sehen. Für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier, „was die Würde und körperliche Unversehrtheit betrifft.“ Peta setzt sich für eine vegane Lebensweise ein, der Mensch solle die Tiere nicht ausnutzen. „Es gibt eine Pflicht zur Pietät gegenüber dem Tier,” sagt Haferbeck. „Für Tiere muss es auf jeden Fall eine Bestattung geben, ob Erd- oder Feuerbestattung, ist egal.”

Kein Leid, keine Würde

Ursula Wolff, Philosophieprofessorin an der Universität Mannheim, sieht dagegen keine moralischen Gründe, Tiere nicht in einer Beseitigungsanlage zu entsorgen. „Kriterium für Moral ist die Leidensfähigkeit. Wenn das Tier nun stirbt, ist es nicht mehr empfindlich für Leid.” Auch vor dem Tod wisse das Tier nicht, was nach seinem Ableben mit ihm passiert, „es kann also keine Angst davor entwickeln und dadurch leiden,“ sagt Wolff, Autorin eines Buches über Tiere und Moral. Auch von einer Würde des Tiers will die Philosophin nichts wissen, „es ist ein reines Konstrukt, leere Rhetorik.“

Erika Seidl dagegen benutzt häufig das Wort Würde, wenn sie von Tieren spricht, und noch häufiger, wenn es um ihre verstorbenen Kaninchen geht. Sie esse Fleisch, aber wenig, es ist ein „schmerzhafter Gedanke” für sie, dass andere Tiere in der Verwertungsanlage enden, „wie kann man Geschöpfe Gottes als Nutztiere bezeichnen?”

Erika Seidl betet täglich für ihre Tiere:  „Herr, gib unseren Kleinen und allen toten Tierchen die ewige Ruhe.“ Nächste Woche will sie ihre Kameraden wieder besuchen.

Von Filip Bubenheimer und Lucia Weiß.