Laufzeitverlängerung

Ob Einweg-Pfand oder Mode aus Milchtüten: Die Recycling-Branche erleichtert uns mit dem Versprechen eines zweiten Lebens für unseren Schrott das Gewissen – und erlaubt uns, schmerzfrei die Vermüllung der Welt fortzusetzen.

Mode aus Müll: Ironischer Chic aus den Resten der Konsumgesellschaft - Foto: Maciek Zygmunt

Neckisch, die Handtasche aus alten Safttüten. Ein gutes Gefühl, wenn der Fleecepulli von seinem ersten Leben erzählt:  “Ich war eine Plastikflasche.” Eine angenehme Vorstellung, beim Füllen der Mülltonne Wertstoffe zu sammeln. Recycling fühlt sich gut an – und der einfache Grund, warum sich Recyclen lohnt, ist kaum zu bestreiten: Was wir aus dem Müll schaffen, müssen wir der Natur nicht entreißen.

Doch in der Recycling-Welle, die längst zum Geschäft geworden ist, geht unter, dass Wiederverwertung nur die zweitbeste Lösung ist, mehr noch, es werden Anreize zum Wegwerfen gesetzt.

Vor allem die steigenden Rohstoffpreise machen aus der Müllhalde eine Goldgrube. Urban Mining, das kommerzielle Durchwühlen von Abfalldeponien nach wertvollen Materialien wie seltenen Metallen steht noch ganz am Anfang. Die Logik, die die Müllströme dann steuern könnte, ist bereits heute zu erahnen: Mehr Müll ist gut für diejenigen, die daran verdienen.

Beim Einwegpfand etwa profitieren die Lebensmittelketten gleich mehrfach. Durch den so genannten Pfandschlupf, wenn die Plastikflaschen nicht zurückgegeben werden; am Verkauf des äußerst reinen Kunststoffs – und weil die Kunden den Supermärkten über das Pfand einen zinsfreien Kredit gewähren.

Gerade die Discounter stehen auf Einweg, suggerieren dem Kunden: Wo Pfand draufsteht, ist Umweltschutz drin. Doch häufig ist Recycling nur Umweltschutz auf Zeit, keine vollwertige Wiederverwendung, sondern nur Downcycling. Aus dem hochwertigen Kunststoff einer Plastikflasche können noch die niederwertigen Fasern eines Fleecepullis werden. Doch irgendwann hat das Downcycling ein Ende, dann bleibt nur noch die Verbrennung.

Auch die so beliebte Mode aus Müll ist bestenfalls Downcycling; die Safttüten-Handtasche landet am Ende im Abfall. Problematisch zudem, dass ein Wertungswiderspruch entsteht: Was eigentlich vermieden werden muss, wird nun zum ironischen Chic.

Was von Anfang an Müll war, dem gewährt das Recycling eine Laufzeitverlängerung. Es kann noch ein zweites Mal gekauft werden, darf noch eine Ehrenrunde auf der Achterbahn der Konsumgesellschaft drehen, bevor es auf der Abfallhalde landet. Das macht unseren Umgang mit Ressourcen effizienter, aber am Ende hilft nur Abschalten: den Müll von morgen nicht zu kaufen.

Kommentar von Filip Bubenheimer.

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