Wohin mit den alten Klamotten?

Im Durchschnitt produziert jeder Deutsche jährlich zwölf Kilogramm Altkleider. Hochgerechnet auf die ganze Bevölkerung sind das über 750.000 Tonnen. Thomas Ahlmann vom Dachverband “FairWertung” gibt im Interview Auskunft, was aus welchen alten Kleidern wird: Export-Ware für Afrika oder Putzlappen.

Herr Ahlmann, können Sie nachvollziehen, was mit diesen Massen an alten Kleidern passiert?

Thomas Ahlmann von FairWertung e.V.

Thomas Ahlmann von FairWertung e.V.

Generell kann man sagen, dass es drei verschiedene Erfassungsarten von Altkleidern gibt: Zum einen über die Containersammlungen. Zum anderen über Straßensammlungen, bei denen nach einer Ankündigung die auf der Straße bereitgestellten Textilien abgeholt werden. Auf diese beiden Arten wird in Deutschland die weit überwiegende Menge an Altkleidern gesammelt. Und drittens können ausrangierte Kleidungsstücke direkt in Kleiderkammern abgegeben werden. Nach der Abgabe werden die Textilien in der Regel unsortiert an Alttextilfirmen weitergegeben. Kleiderkammern prüfen die gesammelte Kleidung auch vor Ort. Die gut erhaltene Kleidung wird dann kostenlos oder zu sozialen Preisen wieder abgegeben.

Die Überschüsse in den Kleiderkammern gehen aber auch an Alttextilfirmen. Denn die anfallenden Altkleider übertreffen den sozialen Bedarf bei weitem. In den Sortierbetrieben wird die Kleidung per Hand sortiert und in weit über 100 Kategorien sowie unterschiedliche Qualitätsstufen eingeteilt. Dabei ist es so, dass lediglich knapp über 40 Prozent als Secondhand-Ware nutzbar sind.  Bei der Secondhand-Kleidung ist es dann so, dass es zum einen die so genannte „Creme-Ware“ gibt, die an Abnehmer in Deutschland und Westeuropa verkauft wird. Der größere Teil geht an Großhändler in Osteuropa, dem mittleren Osten oder Afrika. Dieser landet dort auf den lokalen Märkten der Importländer.  Ein ähnlich hoher Anteil wird recyclet und beispielsweise zu Dämmstoffen oder Putzlappen in der Maschinen- und Automobilindustrie verarbeitet. Insgesamt können so 85 Prozent der Altkleider stofflich verwertet werden.

Macht es einen Unterschied, ob ich meine ausrangierte Kleidung im Container oder in der Kleiderkammer abgebe – wenn am Ende doch alle an dieselben Großhändler verkaufen?

Generell gilt, und das ist vielen nicht klar: Altkleider sind Waren, die gehandelt werden. Bei den Kleiderkammern ist es so, dass ein Teil der abgegebenen Kleidung direkt an Bedürftige weitervermittelt wird oder aber in eigenen sozialen Einrichtungen verkauft wird. Die Überschüsse werden von den Kleiderkammern aber auch an Alttextilfirmen weitergegeben. Bei der Abgabe an eine Containersammlung werden die Organisationen durch die Erlöse aus der Weitergabe unterstützt. Diese können vor Ort oder in der Entwicklungshilfe eingesetzt werden.

Mit Altkleidern wird also Geld verdient. Dennoch differenzieren Sie zwischen gemeinnützigen und kommerziellen Sammlern. Was ist der Unterschied?

Der Unterschied liegt in der Frage, wem die Erlöse zugutekommen. Bei gemeinnützigen Organisationen kommen die Erlöse weiteren gemeinnützigen Projekten vor Ort oder in der Entwicklungszusammenarbeit zugute. Den gewerblichen Sammlern geht es um Profit. Beides ist erlaubt, beides akzeptieren wir. Was wir nur fordern sind transparente Sammlungen, bei denen der Verbraucher klar und deutlich erkennen kann, wer von der Kleiderspende am Ende profitiert.

Dubiose Händler erkennen

      • Sammelzettel oder Container prüfen.
      • Vorsicht, wenn der Aufruf zu sehr auf die Tränendrüse drückt.
      • Skepsis ist geboten bei Floskeln wie “Helfen Sie uns, damit wir helfen können”.
      • Verdächtig ist zudem der häufige Gebrauch von Symblolen wie Kirchen, Kreuzen oder Rollstühlen.
      • Oft ist nur eine Handynummer angegeben aber keine Adresse.

Es gibt einige schwarze Schafe unter den Händlern. Wenn ein verdächtiger Sammelaufruf in den Hausflur flattert – was sollte man tun?

Zeigen Sie Engagement! Fragen Sie beim örtlichen Ordnungsamt nach, ob diese Sammlung genehmigt und rechtens ist. Bewahren Sie den Sammelaufruf auf und notieren Sie sich im besten Fall das Kennzeichen des Sammelfahrzeugs, damit die Behörden aktiv werden können. Machen Sie die Nachbarn aufmerksam und informieren sie vielleicht auch die örtliche Presse.

Ein weiteres Problem, das immer wieder angesprochen wird, ist der Logoverkauf, bei dem gemeinnützige Organisationen gewerblichen Unternehmen gegen eine Entschädigung ihren Namen für die Sammelaktion „leihen“. Was halten Sie davon?

Der Logoverkauf ist nicht illegal. Aber wir kritisieren ihn, denn es entsteht der Eindruck, dass versucht wird die Verbraucher mit gemeinnützig klingenden Vereinsnamen zu täuschen. Zudem erhalten die Vereine oft nur einen kleinen Betrag, der unabhängig von der tatsächlichen Sammelmenge ist. Viele kleine Vereine machen sich gar keinen Kopf, wenn plötzlich ein Unternehmen kommt und sagt: „Wir geben euch jeden Monat 200 oder 300 Euro.“ Erst einmal sind die Vereine, die meistens ehrenamtlich geführt werden, begeistert und haben keine Ahnung davon, was mit ihrem Namen angestellt wird.  Denn die Unternehmen machen einen Gewinn mit ihrem Namen und profitieren vom Image der Gemeinnützigkeit des Vereins.

Der Handel mit Altkleidern ist eine globale Angelegenheit – der Großteil unserer alten Kleidung geht ins Ausland. Kritiker dieser Handelswege werfen den Unternehmen vor, dadurch  lokale Strukturen und Märkte in Entwicklungsländern zu zerstören. Wie bewertet FairWertung den Export von Altkleidern?

Auch FairWertung hat sich in der Vergangenheit kritisch mit dem Thema Altkleiderexporte auseinandergesetzt. Die Frage, welche Auswirkungen der Kleiderexport auf die lokalen Märkte in Afrika hat, war sogar ein Grund FairWertung zu gründen. Wir haben in den Jahren 2003 bis 2005 ein Dialogprogramm Afrika gegründet. Dort haben wir mit Menschen, die vor Ort mit Altkleidern zu tun haben, diese Frage erläutert. Die Ergebnisse waren,  dass in den meisten Fällen die Altkleiderimporte nicht der Hauptgrund für die Leiden der lokalen Textilproduktion waren. Eher spielen Faktoren wie Infrastrukturprobleme oder die weltwirtschaftliche Konkurrenz allgemein für den Niedergang der afrikanischen Produktion eine Rolle.  Der Altkleiderhandel, so unsere Dialogpartner, gibt heute vielen eine Möglichkeit Einkommen zu erzielen. So verdienen beispielsweise Straßenhändler oder Änderungsschneider mit Mitumba – so werden Altkleider in vielen afrikanischen Ländern genannt – ihren Lebensunterhalt. Außerdem kommt ein sozialer Aspekt hinzu: Die erschwingliche Secondhand-Kleidung ermöglicht es vielen ärmeren Menschen, sich modern und modisch zu kleiden.

Wie sollten Konsumenten am besten mit ihren ausrangierten Kleidungsstücken umgehen?

Der Dachverband
Logo FairWertungFairWertung e. V. engagiert sich für Transparenz und Verantwortlichkeit im Altkleiderhandel. Das Netzwerk besteht aus gemeinnützigen und kirchennahen Organisationen.

Wir raten generell dazu, den Kleiderkonsum zu überdenken, weniger zu kaufen und dafür bessere Qualität. Das hat dann auch einen ökologischen Aspekt. Beim Aussortieren sollte man darauf achten, nur gut erhaltene und moderne Kleidung für die Altkleidersammlung beiseite zu legen. Löchrige, kaputte oder verdreckte Textilien, die man vielleicht bei der letzten Renovierung getragen hat, sollten über den Hausmüll entsorgt werden. Das ist nämlich wesentlich kostengünstiger als eine Entsorgung über die Sortierbetriebe. Vor Ort sollten die Verbraucher prüfen, wo die Kleidung abgegeben werden kann. Hilfreich dafür kann beispielsweise die Standortabfrage auf unserer Homepage sein. Diese führt Organisationen in ihrer Nähe auf, die nach unseren FairWertungs-Standards arbeiten. Und natürlich sind Kleiderkammern vor Ort immer ein guter Rat!

Von Christine Maevis.

 

Mehr zum sinnvollen Umgang mit alten Wertstoffen finden Sie hier:

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